1-2 | Warnruf gegen die Nationen |
3-6 | Warnruf gegen das Nordreich Israel |
7-9 | Gericht und Wiederherstellung Israels |
Das Buch des Propheten Amos („Last“, „Lastträger“) ist weniger stark heilsgeschichtlich ausgerichtet als andere Prophetenbücher. Es betont vielmehr die Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit, die auf das kommende Gericht zusteuerte. Insofern hat es auch uns heute einiges zu sagen.
Amos war ein Zeitgenosse von Jona, Hosea und Jesaja. Er begann seinen Dienst zur Zeit der Könige Ussija von Juda und Jerobeam II. von Israel. Er stammte aus dem Dorf Tekoa im nördlichen Gebiet Judas, das nur etwa 20 Kilometer von der Grenze des Nordreichs entfernt lag. Obwohl Amos ein jüdischer Prophet war, wurde er berufen, seine Botschaft vor allem den Nordstämmen Israels zu überbringen.
Politisch war es eine Zeit des Wohlstands unter der langen und sicheren Herrschaft Jerobeams II., der eine bedeutende Rückeroberung des israelitischen Territoriums unternahm. Die ständige Bedrohung durch das assyrische Reich war zu dieser Zeit geringer, da dessen Hauptstadt Ninive aufgrund der Predigt des Propheten Jona Buße getan hatte. Geistlich war es jedoch eine Zeit zunehmender Verdorbenheit und moralischen Verfalls.
1-2: Warnruf gegen die Nationen |
Gott berief Amos zum Dienst und schickte ihn zuerst nach Bethel, das etwa 25 Kilometer entfernt lag. Dort stand eines der beiden Kälber Jerobeams I. Die Prophetie des Amos war ein Warnruf, ein Brüllen des Löwen von Juda aus dem Heiligtum in Jerusalem. Der Vers aus Kapitel 1,2 steht in unverkennbarem Zusammenhang mit Kapitel 3,7-8.
Amos 1,2: „Der HERR wird brüllen aus Zion und seine Stimme erschallen lassen von Jerusalem her.“
Amos 3,7: „GOTT, der Herr, tut nichts, ohne dass er sein Geheimnis seinen Knechten, den Propheten, geoffenbart hat.“
Der Löwe brüllt, bevor er sich auf seine Beute stürzt. Der Herr möchte retten, denn er warnt ernstlich und wiederholt, bevor er richten muss. Ein solches „Brüllen des Löwen“ finden wir in den Kapiteln 1 und 2.
Auf Geheiß Gottes kommt Amos nach Bethel und verkündet dort seine erste Botschaft, die wir in der Einleitung bereits besprochen haben. Die ersten Warnrufe galten sechs umliegenden Nationen, die letzten Warnrufe galten Juda und Israel.
Jede Gerichtsankündigung wird mit den Worten eingeleitet: „Wegen drei und wegen vier Übertretungen …“ Diese Redewendung ist nicht mathematisch zu verstehen. Sie bedeutet, dass das Maß voll, ja, mehr als voll ist. Heute würde man vielleicht sagen: „Sie haben das Fass zum Überlaufen gebracht.“
Wir können uns vorstellen, wie die Stimmung der Zuhörer an diesem Tag innerhalb kurzer Zeit von Interesse über Euphorie bis hin zu Schock umschlägt.
3-6: Warnruf gegen das Nordreich Israel |
Ab Kapitel 3 klagt Amos gezielt die Missstände im Nordreich Israel an. Während Gott die Heiden aufgrund ihrer geistlichen Unkenntnis milder beurteilen kann, muss er mit seinem Volk Israel hart ins Gericht gehen. Ihm hat er seine Aussprüche am Berg Horeb kundgetan. Israel trägt somit eine größere Verantwortung und wird von Gott strenger gezüchtigt. Das ist ein biblisches Prinzip:
Luk 12,48: „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man desto mehr fordern.“
In den Versen 3-8 stellt Amos sieben Ursache-Wirkung-Fragen, die darin gipfeln, dass jedes Unglück in der Stadt vom HERRN verursacht wird. Das Gericht Gottes über Israel sollte sie also nicht überraschen, denn Gott hat es zuvor durch seine Propheten verkündet.
Amos 3,6b: „Geschieht auch ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht gewirkt hat?“
In Kapitel 4 fordert Gott das Volk spottend auf, seinen Götzendienst fortzusetzen.
Amos 4,4: „Geht nur nach Bethel und sündigt, und in Gilgal sündigt noch mehr!“
Das Volk hat Mangel an Brot erduldet (4,6), dazu Trockenheit (4,8), Getreidebrand, Vergilben und Heuschrecken (4,9), Pest und Krieg (4,10) sowie weitere Katastrophen (4,11). Weil all dies sie nicht zur Buße leitete, sollte sich Israel jetzt darauf vorbereiten, Gott selbst zu begegnen.
Amos 4,12b: „Mache dich bereit, deinem Gott zu begegnen, Israel!“
In Kapitel 5 klagt der Prophet über Israels Niedergang. Nur einer von zehn Soldaten wird verschont bleiben (5,3). Erneut ruft Gott das Volk zur Umkehr auf:
Amos 5,6: „Sucht den HERRN, so werdet ihr leben!“
Amos fordert seine Zuhörer dazu auf, das „Gute und nicht das Böse“ zu suchen (5,14). Um vom kommenden Gericht verschont zu werden, muss das Volk sein Handeln radikal ändern. Denn im jetzigen Zustand stellt Gott das folgende Zeugnis aus (5,21-23):
- Ich hasse eure Feste.
- Ich habe kein Wohlgefallen an euren Brandopfern.
- Ich mag eure Lieder nicht hören.
In Kapitel 6 klagt Amos die Reichen und Vornehmen an. Aufgrund ihres Hochmuts und ihres ausschweifenden Lebensstils werden sie „an der Spitze der Weggeführten in die Gefangenschaft wandern“ (6-7).
7-9: Gericht und Wiederherstellung Israels |
Die Kapitel 7 bis 9 sind prophetisch ausgerichtet. Darin kündigt Gott dem Nordreich Israel Gericht und Wiederherstellung an.
In Kapitel 7 steht zunächst die Fürbitte des Propheten im Angesicht des kommenden Gerichts im Mittelpunkt. Amos hat die Vision einer Heuschreckenplage und die Vision eines Feuergerichts. Auf beide Gerichte antwortet der Prophet mit Fürbitte für Israel. Gott reagiert auf die Fürbitte und zieht das Gericht zurück. Bei der dritten Vision mit dem Senkblei ist es jedoch anders. Gott zeigt sie dem Propheten lediglich und teilt ihm anschließend mit, dass er zum Gericht entschlossen ist.
In Kapitel 8 zeigt Gott Amos in einer Vision einen Korb mit reifen Früchten. Gott gibt auch direkt die Auslegung dieser Vision.
Amos 8,2b: „Die Zeit ist reif geworden für mein Volk Israel; ich werde künftig nicht mehr [verschonend] an ihm vorübergehen!“
Gott wird die bösen Taten Israels nicht vergessen (8,7). Doch er sieht hinter dem Strafgericht bereits die zukünftige Umkehr des Volkes.
Amos 8,11: „Siehe, es kommen Tage, spricht GOTT, der Herr, da werde ich einen Hunger ins Land senden; nicht einen Hunger nach Brot, noch einen Durst nach Wasser, sondern danach, das Wort des HERRN zu hören.“
Israel kann dem Gericht zwar nicht entgehen (9,2), aber ein Überrest wird gerettet werden (9,8). Mit diesem Überrest wird Gott „die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten“ (9,11), das heißt, er wird Israel wieder zu dem Glanz zurückbringen, den es unter König David hatte.