Kapitel | Inhalt |
1–2 | Die Fragen des Propheten |
3 | Das Gebet des Propheten |
Habakuk („Umklammerer“) war ein Zeitgenosse von Jeremia, Hesekiel, Daniel und Zefanja. Er war der letzte Prophet, der vor der Gefangennahme Judas durch die Babylonier nach Juda gesandt wurde.
Zu seiner Zeit befand sich das Babylonierreich im Aufstieg zur Großmacht. Zunächst eroberten die Babylonier das assyrische Reich (612 v. Chr.). Sieben Jahre später wurden die Ägypter bei Karkemisch von den Babyloniern besiegt. Anschließend begannen die Babylonier mit der Eroberung Palästinas. Um 597 v. Chr. kontrollierten sie Jerusalem, das sie zehn Jahre später zerstörten.
Das Buch Habakuk zeigt ein vertrautes Gespräch zwischen dem Propheten und Gott. Es ist eine Ermutigung für alle, die in Notzeiten zu Gott rufen. Habakuk klammerte sich an Gott und wurde in Zeiten der Not nicht enttäuscht.
Habakuk stellt Gott zwei Fragen. Die erste steht in den Versen 1,2–4, gefolgt von Gottes Antwort in den Versen 1,5–11. Dann folgt die zweite Frage in den Versen 1,12–17. Anschließend geht der Prophet in Wartestellung (2,1). Gottes zweite Antwort folgt in den Versen 2,2–20. Daraufhin verfasst der Prophet als Reaktion ein Psalmlied der Anbetung (3,1–15). Den Abschluss der Prophetie bildet ein leidenschaftlicher Lobpreis des innerlich erschütterten Propheten, verbunden mit dem Ausdruck seines völligen Gottvertrauens (3,16–19).
1–2: Die Fragen des Propheten |
Kapitel 1
Habakuk trägt eine schwere Last in seinem Herzen. Er möchte Gott keinesfalls beleidigen oder ihm Vorwürfe machen. Doch der Prophet ist am Ende seiner Kräfte und seines Verständnisses angelangt. Er kann nicht mehr anders. In den Versen 2–4 fasst Habakuk seine Empfindungen in Worte. Er lebt in einem Volk, das in jeder nur denkbaren Hinsicht verdorben ist.
Hab 1,2+3: „Wie lange, o HERR, rufe ich [schon], ohne dass du hörst! Ich schreie zu dir [wegen des] Unrechts, und du hilfst nicht. 3 Warum lässt du mich Bosheit sehen und schaust dem Unheil zu? Bedrückung und Gewalttat werden vor meinen Augen begangen; es entsteht Streit, und Zank erhebt sich.“
Der Herr ist gütig und geduldig, allmächtig und allwissend. Er kennt die Verzweiflung Habakuks und geht darauf ein, indem er seine ernst gemeinten Fragen beantwortet.
Hab 1,5: „Seht euch um unter den Heidenvölkern und schaut umher; verwundert und entsetzt euch! Denn ich tue ein Werk in euren Tagen — ihr würdet es nicht glauben, wenn man es erzählte!“
Diese Antwort verwundert und erschreckt den Propheten zunächst noch mehr. Er soll sich zusammen mit dem verkommenen Volk unter den Nationen umschauen. Von dort aus steht ihnen eine große Überraschung ins Haus, mit der sie nicht gerechnet haben. Gott wird ein unerwartetes Werk tun. Juda ist inzwischen genauso kaputt wie das Nordreich es war. Deshalb wird Jerusalem nicht anders enden als Samaria.
Gott kündigt Habakuk die Chaldäer (Babylonier) an, die das Südreich erobern werden (1,6–7). Mit diesem Gegner werden weder die Rechtsverdreher noch die Betrüger, Räuber, Mörder oder Ehebrecher in Juda es aufnehmen können. Mit literarischen Bildern – Leoparden, Wölfe am Abend, Adler (1,8) – beschreibt Gott die Kraft, Schnelligkeit und Grausamkeit des Feindes. Juda wird erfahren, wie klein, schwach und kraftlos es ist, wenn Gott seine schützende Hand von ihm abzieht. Da sie Gottes Worte nicht hören wollten, werden sie nun von seiner Zuchtrute geschlagen. Habakuk kennt die Geschichte Israels. Er weiß nun, dass Juda und den Bewohnern Jerusalems durch die Babylonier eine Wiederholung dessen bevorsteht, was Samaria und der Norden mehr als 100 Jahre zuvor durch die Assyrer erfahren mussten.
Der Prophet hat seine Antwort erhalten – und sie lastet schwer auf seiner Seele. Damit hat er nicht gerechnet. In seinem Inneren baut sich eine zweite Last auf. Er muss noch einmal zu Gott reden und ihn befragen, denn das Schicksal seines Volkes ist ihm nicht gleichgültig. In den Versen 12–17 folgt nun die zweite Frage Habakuks. Er ist davon überzeugt, dass Gott sein Volk nicht endgültig richten, sondern auch Gnade im Gericht walten lassen wird.
Hab 1,12: „(…) Wir werden nicht sterben! (…)“
Hier schimmert für den Propheten bereits die kommende Gnade durch. Und tatsächlich kehrte nach den schrecklichen Gerichten ein Überrest aus Babylon zurück. Bevor er zu seiner zweiten Frage kommt, bekennt Habakuk noch einmal die Reinheit und Heiligkeit Gottes.
Hab 1,13: „Deine Augen sind so rein, dass sie das Böse nicht ansehen können; du kannst dem Unheil nicht zuschauen. Warum siehst du denn den Frevlern schweigend zu, während der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er?“
Habakuk weiß jetzt, dass Unheil kommen wird. Er hat erkannt, auf welche Weise Gott den Zuständen im Volk ein Ende bereiten wird. Aber die Motive sind ihm noch nicht ganz klar. Warum, o Gott, lässt du zu, dass der völlig Gottlose (der Babylonier) den verschlingt, der gerechter ist als er (der Überrest im Volk)?
Kapitel 2
Der Prophet hat neue Kraft getankt. Er tritt hinaus und stellt sich in Warteposition vor Gott (2,1). Dieser fordert ihn auf, die nun folgenden Worte auf Tontafeln für die Nachwelt festzuhalten (2,2). Die Erfüllung wird nämlich zu Gottes Zeit kommen. Sie wird nicht ausbleiben, aber sie muss mit Ausharren erwartet werden. Habakuk musste wahrscheinlich mehr als 20 Jahre ausharren, bis der Angriff Nebukadnezars auf Jerusalem geschah. Erst weitere siebzig Jahre später ging auch Babylon unter.
Vers 4 ist der wohl bekannteste Vers des Buches Habakuk. Seine Kernaussage wird im Neuen Testament an drei Stellen leicht abgewandelt zitiert (Römer 1,17; Galater 3,11; Hebräer 10,38).
Hab 2,4: „Siehe, der Vermessene — unaufrichtig ist seine Seele in ihm; der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben.“
Wer waren denn im Alten Testament die Gerechten aus Gottes Sicht? Die Antwort ist einfach. Es waren dieselben Leute wie im Neuen Testament: diejenigen, die auf den Herrn vertrauten und ihr Herz ganz auf ihn gerichtet hatten. Zwar hatten sie den Heiligen Geist noch nicht innewohnend, aber sie lebten mit ihm.
Der „Vermessene“ in Vers 4 stellt den kommenden Babylonier dar. Dieser ist der Trunkenheit verfallen (2,5). Dies wird in Daniel 5 deutlich, als der letzte Babylonierkönig Belsazar in der Nacht seines Todes ein Trinkgelage veranstaltet und dabei die Gefäße des Jerusalemer Tempels entweiht. Wenige Stunden später ist er tot.
In den folgenden Versen spricht Gott fünf Wehe-Rufe über die Babylonier aus:
- 2,6: „Wehe dem, der sich bereichert mit dem, was ihm nicht gehört“
- 2,9: „Wehe dem, der ungerechten Gewinn macht für sein Haus.“
- 2,12: „Wehe dem, der Städte mit Blut baut.“
- 2,15: „Wehe dir, der du deinem Nächsten [zum Bösen] zu trinken gibst.“
- 2,19: „Wehe dem, der zum Holz spricht: »Wache auf!« und zum stummen Stein: »Steh auf!«“
Babylon wird sich umsonst abmühen, seine Eroberungen werden nicht von Dauer sein. Gott ermutigt den Propheten, indem er ihm einen Blick in die Zukunft gewährt.
Hab 2,13–14: „Siehe, kommt es nicht von dem HERRN der Heerscharen, dass Völker fürs Feuer arbeiten und Nationen für nichts sich abmühen? 14 Denn die Erde wird erfüllt werden von der Erkenntnis der Herrlichkeit des HERRN, gleichwie die Wasser den Meeresgrund bedecken.“
Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Das Herz des Menschen ist gleich geblieben. Nur die Werkzeuge der Kulturen haben sich geändert. Gott sieht alles. Er wartet mit großer Geduld, denn er will nicht, dass Menschen verloren gehen. Seine Liebe ist unbegreiflich und übersteigt unseren Verstand. Dennoch muss eines Tages das Gericht kommen.
3: Das Gebet des Propheten |
Habakuk hat nun zum zweiten Mal eine Antwort von Gott erhalten. Er hat erfahren, dass sein Volk in schwere Nöte geraten wird. Gleichzeitig hat er aber auch erfahren, dass Gott die Peiniger seines Volkes an ihrem Tag vernichten wird. Der Prophet ist gleichermaßen beeindruckt und erschrocken (3,2). Habakuk wird im Geiste bewegt und zu einem Lied der Anbetung geführt.
Der Herr kommt im Lichtglanz von Teman her (3,3–4), so wie er es tat, als er dem Volk am Berg Sinai erschien. Am Ende wird er wieder erscheinen, dann mit einem Blitz vom Osten bis zum Westen. Alle Hügel werden erniedrigt werden (3,6). Wir sehen Gottes Herrschaft über die Meere und Ströme (3,8–10). Danach sehen wir seine Herrschaft über die Himmelskörper (3,11).
Hab 3,13: „Du ziehst aus zur Rettung deines Volkes, zum Heil mit deinem Gesalbten. (…)“
Ab Vers 16 lesen wir die abschließenden Worte des Propheten. Er redet über sich selbst, über seine Empfindungen und Gedanken angesichts der Offenbarungen Gottes, die ihn zutiefst erschüttern.
Hab 3,16: „O dass ich Ruhe finden möchte am Tag der Drangsal, wenn der gegen das Volk heranzieht, der es angreifen will!“
Während er noch redet, hellt der Herr seine Seele immer mehr auf, sodass er am Ende in einen Lobpreis übergehen kann. Sein Glaube erhebt sich über die äußeren Umstände und richtet sich auf Gott selbst.
Hab 3,18: „Ich aber will mich freuen in dem HERRN und frohlocken über den Gott meines Heils!“
Habakuks Worte sprechen auch uns an und geben uns Hoffnung. Auch heute droht ein Gericht Gottes. Es sieht mehr und mehr danach aus, als wolle das Licht Gottes in der Welt erlöschen. Unter Umständen müssen auch wir durch gewaltige Nöte gehen. Doch der Herr wird mit uns sein. Er wird uns an Geist und Seele stärken, selbst wenn unsere Leiber zu verschmachten drohen.