Kapitel | Inhalt |
1 | Gottes Gericht über das hochmütige Edom |
Das Buch Obadja („Knecht des Herrn“) ist das kürzeste des Alten Testaments. Es kündigt das Gericht über die Nation Edom an. Die Edomiter lebten im Südosten von Judäa, dem heutigen Jordanien. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren sie arrogant und grausam. Sie luden große Schuld auf sich, weil sie dem jüdischen Volk Gewalt antaten und sich über Gottes Gericht an Israel freuten.
Ihr Stammvater war Esau, der Zwillingsbruder Jakobs. Jakob war der Stammvater des Volkes Israel. Die Beziehung zwischen Jakob und Esau war von Anfang an von Feindschaft geprägt. Bereits vor der Geburt der Kinder hatte Gott vorhergesagt, dass der ältere Bruder Esau („der Behaarte“) dem jüngeren Bruder Jakob („der Fersenhalter“) dienen würde. Als erwachsener Mann verachtete Esau sein Erstgeburtsrecht und verkaufte es für ein rotes Linsengericht an Jakob. Dafür erhielt er den Spottnamen Edom („der Rote“). Jakob war ein Betrüger und stahl den Segen Isaaks, obwohl Gott diesen bereits vor seiner Geburt Jakob zugesprochen hatte. Dieser Betrug erzeugte tiefen Bruderhass bei Esau, sodass er Jakob töten wollte.
Die Spannungen zwischen Jakob und Esau übertrugen sich auch auf die beiden Völker, deren Stammväter sie wurden. So verweigerten die Edomiter dem Volk Israel beispielsweise den Durchzug durch ihr Land bei dessen Auszug aus Ägypten (4Mo 20,14–21).
Die Edomiter spielten sogar noch über das Alte Testament hinaus eine Rolle in der Bibel. Herodes der Große, ein Idumäer (Edomiter), wurde unter der Herrschaft Roms König über Juda. Er erweiterte den Zweiten Tempel in Jerusalem zu einem gewaltigen Prachtbau. Er war es auch, der Jesus Christus kurz nach dessen Geburt ermorden wollte. Schließlich wurden die Edomiter im Jahr 70 n. Chr. während der Eroberung und Zerstörung Jerusalems besiegt. Wie im Buch Obadja prophezeit, wurden sie „auf ewig ausgerottet“ (1,10), „so dass dem Haus Esau kein Überlebender übrigbleibt“ (1,18).
Verse 1–9: Die erste Sünde Edoms – Hochmut |
Vers 1: Die Offenbarung geht an Obadja. Er war der „Knecht des Herrn“, denn so lautet die Bedeutung seines Namens. Er war der „Knecht des Herrn“ für sein damaliges Volk Israel (Verse 1–14) und für die Nationen (Vers 15–16).
Jahrhunderte später wurde er von dem großen Obadja, dem Messias Jesus Christus, gefolgt. Auch dieser Knecht tat seinen Dienst für Israel und die Nationen der Erde. Der Rest des Verses handelt davon, wie ein Bote des Herrn zu den umliegenden Völkern geht und sie zum Kampf gegen Edom ermutigt.
Oba 1,1b: „Auf, lasst uns aufbrechen zum Krieg gegen sie!“
In Vers 2 verwendet Obadja das sogenannte prophetische Perfekt. Der Prophet redet hier in der Vergangenheitsform über noch zukünftige Dinge. Diese Dinge sind so sicher, als seien sie bereits geschehen. Der Herr erniedrigt das Hohe und erhöht das Geringe. Er demütigt seine Feinde und rettet zugleich diejenigen, die ihn lieben und auf ihn hoffen.
In den Versen 3–4 wird beschrieben, wie Edom aufgrund seines Hochmuts von Gott gestürzt wird. Edom lag geografisch auf dem sehr zerklüfteten Gebirge Seir. Die Edomiter konnten sich immer wieder auf diese unzugängliche Höhe zurückziehen. Sie kannten das Gebiet und fühlten sich dort so sicher wie ein Adler in seinem Nest.
Oba 1,4: „Wenn du aber auch dein Nest in der Höhe bautest wie der Adler und es zwischen den Sternen anlegtest, so würde ich dich doch von dort hinunterstürzen!, spricht der HERR.“
In den großen Eroberungszügen der Assyrer und Babylonier wurde das Gebiet der Edomiter zunächst verschont. In späterer Zeit wurde Edom dann aber doch erobert. Der hochmütige Adler fiel aus seinem Nest.
Verse 5–6: Edom wird vollständig durchsucht und ausgeplündert werden. Selbst wenn Diebe und Räuber kämen, würden sie nur so viel mitnehmen, wie sie wollten. Vieles würden sie liegen lassen. Edom aber wird vollständig enteignet und entblößt werden. Ihm wird alles genommen werden, auch das Leben.
So wird es den Menschen ohne Gott ergehen. Sie wollen die ganze Welt gewinnen, werden aber alles verlieren, auch ihre Seelen. Im Gericht wird alles in ihrem Leben durchforscht und aufgedeckt werden. Die Gläubigen hingegen haben ihr Leben in dieser Welt verloren und dadurch das ewige Leben gewonnen. Gottes Liebe hat sie gefunden, seine Gnade hat sie errettet. Der Herr wird ihnen alles schenken.
Vers 7: Edom wird von seinen Bundesgenossen verlassen und zurückgeschickt werden. Die Gleichgültigkeit, die Edom den Israeliten gegenüber gezeigt hat, fällt nun auf sie selbst zurück.
Die Gemeinschaft des Brotes erinnert uns auch an den geistlichen Edomiter Judas Iskariot. Er tauchte zusammen mit dem Herrn am Abend des letzten Passahmahls das Brot in die gleiche Schüssel ein, bevor der Herr ihn hinausschickte. Er verriet den Herrn. Danach erhängte er sich.
Verse 8–9: Nun ist Edom an dem Punkt angelangt, an dem es keine Einsicht mehr hat. Die Wege der Gottlosigkeit führen in völlige Verwirrung und Ratlosigkeit hinein. Edom hat seinen Mördern nichts mehr entgegenzusetzen.
Verse 10–16: Die zweite Sünde Edoms – Bruderhass |
In den Versen 10–11 wird an die Grausamkeiten Edoms erinnert. Es wird beschrieben, wie es immer wieder gegen Israel kämpfte oder den Feinden Israels bei ihren Feldzügen gegen das Volk Gottes half und dabei gleichgültig und schadenfroh war.
Oba 1,10: „Wegen der Grausamkeit gegen deinen Bruder Jakob soll dich Schande bedecken, und du sollst auf ewig ausgerottet werden!“
Verse 12–14: Edom hat sich in der Vergangenheit oft über das Leid Israels und Judas gefreut. Das würde ein Ende haben. Am großen Tag der Drangsal für Jerusalem (70 n. Chr.) konnten sie nicht mehr schadenfroh dastehen, sondern erlitten zur gleichen Zeit ihr eigenes Ende.
Verse 15–16: Hier erweitert Gott das Blickfeld seines Dieners. Durch das Wort „alle Heidenvölker“ erhalten wir eine prophetische Schau auf alle Nationen der Erde. Auch wenn Edom in der Prophetie Obadjas in besonderer Weise angesprochen wird, so gilt das Gericht Gottes am „Tag des Herrn“ dennoch allen Völkern der Erde.
Oba 1,15: „Denn nahe ist der Tag des HERRN über alle Heidenvölker; wie du gehandelt hast, so wird man dir gegenüber handeln; dein Tun fällt auf deinen Kopf zurück!“
Edom und die großen Feinde Israels im Alten Testament waren trunken von ihrer eigenen Macht und betranken sich buchstäblich auf dem Tempelberg in Jerusalem. An ihrem persönlichen „Tag des Herrn“ müssen sie einen anderen Kelch trinken, nämlich den Kelch des Zornes Gottes.
Verse 17-21: Israels Wiederherstellung |
Hier sehen wir die Rettung auf dem Berg Zion, die Wiederherstellung Israels und die Rückkehr des Volkes, das anschließend über die umliegenden Nationen herrscht.
Oba 1,17: „Aber auf dem Berg Zion wird Errettung sein, und er wird heilig sein; und die vom Haus Jakob werden ihre Besitzungen wieder einnehmen.“
Oba 1,18: „Und das Haus Jakob wird ein Feuer sein und das Haus Joseph eine Flamme; aber das Haus Esau wird zu Stoppeln werden; und jene werden sie anzünden und verzehren, sodass dem Haus Esau kein Überlebender übrig bleibt; denn der HERR hat es gesagt!“
Geistlich gesehen bedeutet dies die Gründung des Reiches Gottes durch das Werk Jesus Christi, die Eroberung der Welt durch das Evangelium sowie die Vollendung der Herrschaft im himmlischen Zion und in der Ewigkeit der neuen Schöpfung.
Die irdische Erfüllung dieser Worte kam für Israel im Alten Testament zunächst einmal durch die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft. Sie durften Jerusalem wieder besiedeln und die Stadt sowie den Tempel bauen.
Schließlich kam der Herr zu seinem Tempel in Jerusalem. Zu diesem Zeitpunkt war einiges in Israel wiederhergestellt und Johannes der Täufer taufte das Volk im Jordan. Durch seine Auferstehung errichtete der Herr den dritten Tempel der Heilsgeschichte, den geistlichen Tempel seines Leibes, die Gemeinde. An Pfingsten kam der Heilige Geist in Gestalt von Feuerzungen auf die Jünger herab und taufte sie alle in den Leib der Gemeinde hinein. Seitdem werden alle Gläubigen bei ihrer Errettung mit dem Heiligen Geist in Christus hineingetauft. Sie gehören dem Herrn an und sind auf ewig errettet.
Im Jahr 70 n. Chr. kam das schreckliche Feuergericht über Jerusalem und den zweiten Tempel. Im gleichen Zuge wurden auch die Edomiter vollständig ausgelöscht. Am Ende dieser Weltzeit wird das Feuergericht über die ganze gottlose Welt kommen. Der dritte Tempel, der Tempel des Leibes Christi, seine erkaufte Gemeinde, wird jedoch nicht in dieses Gericht fallen.