Die Vorrangstellung Jesu (1–3)
Der Hebräer-Brief wurde an Christen geschrieben, deren Glaubensleben nach einer ersten Blütezeit im Niedergang begriffen war. Unter der starken Bedrohung durch Kaiser Nero drohten sie, in die jüdische Gesetzlichkeit zurückzufallen. Der Verfasser des Hebräer-Briefes bemüht sich daher, den Vorzug Jesu Christi gegenüber allem anderen herauszustellen.
In Kapitel 1 wird Jesus Christus mit den Engeln verglichen. Während die Engel als „dienstbare Geister“ (1,14) bezeichnet werden, heißt es über Jesus: „Dein Thron, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (1,8).
Im zweiten Kapitel geht es um die freiwillige Erniedrigung Jesu. Er erniedrigte sich unter die Engel und nahm Menschengestalt an: „Er sollte ja durch Gottes Gnade für alle den Tod schmecken“ (2,9). Deshalb wird Jesus in Vers 17 auch als „barmherziger und treuer Hoherpriester“ bezeichnet. Der Hohepriester war derjenige, der stellvertretend für das Volk Israel in den Tempel Gottes ging und dort das Blut der Opfertiere darbrachte.
Anschließend wird der Vorzug Jesu gegenüber Mose dargestellt (Kapitel 3). Mose führte als großer Mann Gottes das Volk Gottes im Alten Bund (Israel) aus der Gefangenschaft in Ägypten. Jesus hingegen führte und führt das Volk Gottes im Neuen Bund aus der Gefangenschaft der Sünde. Der Schreiber vergleicht nicht nur Jesus mit Mose, sondern auch das Volk Israel mit den Christen. Das Volk Israel hat in der Wüste oft rebelliert und Gott erzürnt. Deshalb werden die Leser dreimal angesprochen:
Hebr 3,15: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht wie in der Auflehnung.“
Ermahnung zum gläubigen Festhalten an Jesus (4–7)
In Kapitel 4 wird der Leser noch einmal ermahnt, dem negativen Beispiel des Volkes Israel in der Wüste nicht zu folgen. Zu diesem Volk sagte Gott: „Sie sollen nicht in meine Ruhe eingehen“ (4,5). Die Leser sollen deshalb das Wort Gottes ernst nehmen und an Jesus Christus festhalten.
Hebr 4,12: „Denn das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert, und es dringt durch, bis es scheidet sowohl Seele als auch Geist, sowohl Mark als auch Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Gesinnungen des Herzens.“
Kapitel 5: Bereits ab Vers 14 des vorhergehenden Kapitels wird das Bild des Hohenpriesters wieder aufgegriffen. Jesus Christus wird als „großer Hoherpriester“ (4,14) bezeichnet – ein Titel, der sonst in der Bibel niemandem verliehen wird. Jesus Christus wird in diesem Kapitel mit menschlichen Hohenpriestern verglichen. Nach dem Gesetz musste jeder Priester bei den Israeliten ein Levit sein, und zwar ein Nachkomme Aarons. Jesus hingegen stammt aus dem Stamm Juda. Er ist also kein Priester im Sinne des mosaischen Gesetzes. Deshalb wird bereits in Psalm 110,4 prophetisch von ihm gesprochen (vgl. Hebr 5,6):
Psalm 110,4: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Weise Melchisedeks.“
In Kapitel 6 ermahnt der Verfasser die Leser eindringlich, an Jesus Christus festzuhalten. Die Verse 4–6 beziehen sich konkret auf die damaligen Empfänger des Briefes. Es handelte sich um Juden, die zum rettenden Glauben an Jesus Christus gefunden hatten. Nun drohten sie, wieder in die jüdische Gesetzlichkeit zurückzufallen. Der Verfasser warnt jedoch davor, dass es für jemanden, der aus der Gesetzlichkeit zum Glauben gefunden hat und dann die Gnade verwerfen will, um wieder in die Gesetzlichkeit zurückzukehren, keinen Weg mehr zur Umkehr und Errettung gibt. Diese Gedanken sind uns bereits im Galater-Brief begegnet.
Im zweiten Teil des Kapitels erinnert der Verfasser an eine weitere Person aus dem Alten Testament: Abraham. Dieser hatte von Gott die Verheißung erhalten, reichlich gesegnet zu werden und ein großes Volk zu gründen. Er wartete geduldig auf die Erfüllung dieser Verheißung. Genauso geduldig sollen auch wir auf die Verheißung warten, die Gott uns in Jesus Christus gegeben hat.
In Kapitel 7 geht es um die in 1. Mose 14 beschriebene Begegnung Abrahams mit Melchisedek. Dieser war König von Jerusalem. Außerdem war er ein „Priester Gottes“, obwohl das levitische Priestertum zu dieser Zeit noch nicht existierte. Melchisedek ist eine besondere Persönlichkeit, über die im Alten Testament nur sehr wenig berichtet wird. Da Abraham ihm allerdings „den Zehnten von der Beute gab“ (7,4), scheint er eine hohe Stellung gehabt zu haben. Es lohnt sich, diese Begebenheit im Alten Testament selbst nachzulesen, denn Melchisedek wird uns dort als Typus, also als Vorbild, auf Christus hin vorgestellt.
Ab Vers 11 wird das levitische Priestertum mit dem Priestertum „nach der Weise Melchisedeks“ verglichen. Wäre Ersteres ausreichend gewesen, hätte es Letzteres nicht bedurft. Aber das Gesetz war „kraftlos und nutzlos“ (7,18). Deshalb hat Jesus mit seinem eigenen Blut einen neuen Bund gestiftet. Da Jesus vollkommen sündlos war, musste er, anders als die levitischen Hohenpriester, keine Opfer für seine eigenen Sünden darbringen.
In Kapitel 8 erfahren wir, dass die Stiftshütte in der Wüste und der jüdische Tempel in Jerusalem lediglich Abbilder der himmlischen Stiftshütte waren. Während die levitischen Priester ihren Dienst in diesem Abbild verrichteten, ist Jesus der Hohepriester in der himmlischen Stiftshütte. Sein Dienst steht somit weit über dem Dienst der levitischen Priester, so wie sein Neuer Bund weit über dem Alten Bund steht.
Kapitel 9: In diesem Kapitel wird der Gedanke der irdischen und himmlischen Stiftshütte vertieft. Die ersten zehn Verse erklären den levitischen Priesterdienst. Die irdische Stiftshütte, die auch als „Heiligtum Gottes in der Wüste“ bezeichnet wird, bestand aus einem vorderen und einem hinteren Teil. Der normale Priesterdienst fand nur im vorderen Teil, dem „Heiligen“, statt. Dort befanden sich der Leuchter, der Räucheraltar und der Schaubrottisch. Hinter einem dichten Vorhang befand sich der hintere Teil der Stiftshütte, das „Allerheiligste“. In diesem Bereich stand die Bundeslade Gottes. Nur dem Hohepriester war es einmal im Jahr und nur mit dem Blut von Opfertieren gestattet, diesen Bereich zu betreten.
Jesus Christus ist als „großer Hohepriester“ mit seinem eigenen Blut in das Allerheiligste der Stiftshütte im Himmel eingetreten. Durch seinen Tod wurde der Vorhang, der das Heilige vom Allerheiligsten trennte, von oben bis unten zerrissen (Mk 15,38). Durch diesen Eintritt in das himmlische Allerheiligste mit seinem eigenen Blut hat Jesus Christus eine „ewige Erlösung“ erwirkt (9,12).
In Kapitel 10 wird der levitische Opferdienst mit dem Opfer Jesu Christi verglichen. Bereits im vorigen Kapitel wurde die irdische Stiftshütte mit der himmlischen verglichen. Wie der irdische Tempel nur ein Abbild ist, so ist auch der levitische Opferdienst nur ein „Schatten des zukünftigen Heils“ (10,1). Da er die Sünden nie wirklich wegnehmen konnte, mussten die Opfer immer wieder dargebracht werden (vgl. 10,4). Ganz anders verhält es sich mit dem Opfer Jesu Christi:
Hebr 10,12+14: „Er aber hat sich, nachdem er ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht hat, das für immer gilt, zur Rechten Gottes gesetzt, 14 Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden.“
Durch den Tod Jesu Christi haben Gläubige nun freien Zugang zu Gott ins Allerheiligste. Wie schade, wenn sie von diesem Vorrecht keinen Gebrauch machen. Gott will Gemeinschaft mit uns und hat alles für diese Gemeinschaft vorbereitet. Der Schreiber ermutigt die Hebräer, den Vorhang nicht eigenmächtig wieder zu reparieren.
In Kapitel 11 kommt der Schreiber auf das Thema „Glaube“ zurück, das er bereits in Kapitel 6 im Zusammenhang mit Abraham erwähnt hatte. Der erste Vers gibt uns eine Definition des biblischen Glaubens: „Eine Überzeugung von Tatsachen, die man nicht sieht.“ In diesem Kapitel werden zahlreiche Glaubenshelden aus dem Alten Testament aufgezählt: Abel, Henoch, Noah, Abraham, Sarah, Isaak, Jakob, Joseph, Mose, Rahab und viele andere.
Aufruf zur Umkehr / Praktische Ermahnungen (12–13) |
Kapitel 12: Dies ist der Aufruf zur Umkehr. Der Glaube der Hebräer befand sich im Niedergang. Mit dem Blick auf Jesus und die alttestamentlichen Glaubenshelden will der Verfasser diesen Glauben neu entfachen. Das Leben eines Christen ist kein Sprint, sondern ein Dauerlauf (12,1). Mit dem Blick auf Jesus und auf die vor uns liegende Freude können wir diesen Lauf siegreich beenden.
Hebr 12,12: „Darum »richtet wieder auf die schlaff gewordenen Hände und die erlahmten Knie«!“
In Kapitel 13 finden sich noch einige praktische Ermahnungen für den einzelnen Christen, die Familie und die Gemeinde.