Die Rede von Elihu (32–37) |
In den Kapiteln 32 bis 41 spricht Gott: Zunächst gebraucht er durch den Heiligen Geist seinen Knecht Elihu. Dann vervollständigt er das Wort Elihus, indem er selbst aus einem Sturm heraus zu Hiob spricht.
Elihu ist ein junger Mann, der gewartet hat, bis die Älteren verstummt sind. Auffallend ist, dass Elihu Hiob immer wieder die Gelegenheit gibt, zu antworten. Hiob nutzt diese Gelegenheiten jedoch nicht. Was Elihu sagt, unterscheidet sich grundlegend von dem, was die anderen drei Freunde gesagt haben. Er beleidigt Hiob nicht und wirft ihm auch keine verborgenen Sünden vor. Vielmehr stellt er sich auf eine Stufe mit Hiob und spricht nicht „von oben herab“ (33,6). Dennoch sagt er klar und deutlich die Wahrheit und bezieht sich dabei auf das, was Hiob selbst gesagt hat (33,8; 34,5; 34,35; 35,2).
Im letzten Kapitel des Buches bestätigt Gott übrigens, dass Elihu nichts Falsches über ihn gesagt hat. Getadelt werden nur die drei Freunde Hiobs (42,7–8).
Elihus Botschaft lässt sich kurz zusammenfassen:
- Gott ist größer als der Mensch. (33,12)
- Gott muss sich für sein Tun nicht vor uns verantworten. (33,13)
- Gott spricht zu den Menschen auf zweierlei Weise (33,14):
1. durch Träume (33,15)
2. durch Schmerzen (33,19+22)
Ziel dieses Redens Gottes ist es, dass der Mensch über seinen Schöpfer nachdenkt. Zwar klagt der Mensch oft, aber er fragt nicht nach seinem Schöpfer (35,9–10). Durch diese Träume und Schmerzen will Gott die Menschen aufrütteln. Er will auf ihn zugehen und ihm seine Gerechtigkeit anbieten (33,23+30). Jeder Mensch bekommt von Gott zwei- oder dreimal die Gelegenheit, dieses Angebot anzunehmen (d. h. sich zu bekehren!).
Hiob 33,29–30: „Siehe, dies alles tut Gott zwei- oder dreimal mit dem Menschen, 30 um seine Seele vom Verderben zurückzuholen, damit sie erleuchtet werde mit dem Licht der Lebendigen.“
Gott ist also kein ungerechter Richter (Kap. 34), sondern ein vollkommener Lehrer (Kap. 36).
Hi 36,22: „Siehe, Gott ist erhaben in seiner Kraft; wer ist ein Lehrer wie er?“
Am Ende seiner Rede weist Elihu auf die Größe Gottes hin, während ein Sturm aufzieht (Kap. 37).
Hi 37,23–24: „Den Allmächtigen finden wir nicht; er ist von unbegreiflicher Kraft, voll Recht und Gerechtigkeit; er beugt sie nicht. 24 Darum fürchten ihn die Menschen; er aber sieht keinen an, der sich selbst für weise hält!“
| Gott spricht zweimal zu Hiob (38–41) |
Während Elihu noch redet, kommt Gott selbst und spricht aus dem Sturm zu Hiob. Er zeigt ihm seine Größe und Hiobs Nichtigkeit. Da Hiob ihn beim ersten Mal noch nicht versteht, muss Gott ein zweites Mal reden. Auf die erste Rede Gottes (Kapitel 38 und 39) antwortet Hiob wie folgt:
Hi 40,4–5: „Siehe, ich bin zu gering; was soll ich dir erwidern? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen! 5 Ich habe einmal geredet und konnte nichts antworten, und noch ein zweites Mal, und ich will es nicht mehr tun!“
Auf die zweite Rede Gottes (Kapitel 40 und 41) antwortet Hiob hingegen:
Hi 42,5–6: „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, aber nun hat mein Auge dich gesehen. 6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und in Asche!“
Erst jetzt hat Gott sein Ziel mit Hiob erreicht. Zwar war Hiob von Anfang an ein gerechter Mensch, der Gott aufrichtig diente (vgl. 1,8 und 2,3). Man könnte ihn mit dem Hauptmann Kornelius aus Apostelgeschichte 10 vergleichen. Beide waren fromm und gottesfürchtig, brauchten aber das Evangelium, um Gott besser kennenzulernen und die Vergebung ihrer Sünden zu erlangen.
Interessant ist, dass Hiob schon 2000 Jahre vor der Geburt Jesu so viel wusste:
Hi 19,25–26: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und zuletzt wird er sich über den Staub erheben. 26 Und nachdem diese meine Hülle zerbrochen ist, dann werde ich, von meinem Fleisch los, Gott schauen.“
Genau deshalb kam Gott auf ihn zu. Er wollte Hiob noch mehr von sich offenbaren. Dieser Gedanke erinnert mich an eine Liedzeile einer bekannten Band:
„To know You is to want to know You more.“
(Casting Crowns, To Know You)
Oder an eine Aussage von Jesus Christus:
Luk 19,26: „Denn ich sage euch: Wer hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, von ihm wird auch das genommen werden, was er hat.“
Dinosaurier in der Bibel?
Als Gott im Sturm zu Hiob spricht, stellt er ihm über siebzig Fragen. Damit macht Gott deutlich, dass er dem selbstbewussten Hiob an Macht und Weisheit weit überlegen ist. Hiob kann zwar die Sterne beobachten, aber nichts tun, was die Lichtjahre entfernten Himmelskörper irgendwie beeinflussen könnte. Gott hingegen hat sie vollkommen im Griff.
Hi 38,31: „Knüpfst du die Bande des Siebengestirns, oder kannst du die Fesseln des Orion lösen?“
Das gesamte Universum ist das Werk der Finger Gottes (Ps 8,4–5). Das sollte uns demütig machen. Anstatt uns aufzuschwingen und die Wege Gottes zu kritisieren, sollten wir uns von ihm belehren lassen.
Neben den fernen Himmelskörpern spricht Gott auch den Behemoth und den Leviathan an, zwei riesige Lebewesen, die Hiob gut bekannt sind. Die Bibel bezeichnet diese Tiere nicht als Dinosaurier – das Wort „Dinosaurier“ wurde erst 1841 von Richard Owen geprägt –, aber die Beschreibung macht deutlich, dass es sich nicht um ein Nilpferd oder einen Wal handelt.
Hi 40,15–18: „Sieh doch den Behemoth, den ich gemacht habe wie dich: Gras frisst er wie der Ochse! 16 Sieh doch, welche Kraft in seinen Lenden liegt und welche Stärke in seinen Bauchmuskeln! 17 Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder; die Sehnen seiner Schenkel sind fest verflochten. 18 Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie Eisenstangen.“
Hi 40,25–27: „Ziehst du etwa den Leviathan mit der Angel heraus, und kannst du seine Zunge mit einer Fangschnur fassen? 26 Kannst du ein Binsenseil durch seine Nase ziehen und einen Haken durch seine Kinnbacken stoßen? 27 Wird er dich lange anflehen oder dir freundliche Worte sagen? (...) 11 Aus seinem Rachen schießen Fackeln; Feuerfunken sprühen aus ihm heraus. (...) Sein Hauch entzündet Kohlen, eine Flamme schießt aus seinem Rachen.“
Da Hiob kurz nach der Sintflut lebte, gab es zu seiner Zeit offensichtlich noch Dinosaurier.
Nun kommen wir zum entscheidenden Höhepunkt dieses Buches, zu der großen Lektion, die Hiob endlich gelernt und verstanden hat. Sie lautet: Befreiung vom eigenen, abscheulichen Ich.
Während Gott zu Hiob spricht, verschwindet zunehmend die gute Meinung, die Hiob von sich selbst hatte. Mit Schrecken entdeckt Hiob die Bosheit seines Herzens. Er, der sich vorgenommen hatte, nichts mehr zu sagen (39,35), ruft aus: „Ich spreche mich schuldig und tue Buße“ (42,6). Das sagt ein Mensch, der „untadelig, rechtschaffen, gottesfürchtig ist und das Böse meidet“ (Hi 2,3), wenn er in der Gegenwart Gottes ist.
Gott hat Hiob „gesichtet wie den Weizen“ (vgl. Lk 22,31). Für Hiob war dies eine schmerzliche Lektion, die ihn jedoch von seinem übertriebenen Selbstvertrauen befreite. Nun kann er seine Brüder stärken und für seine Freunde beten.
Gott nennt ihn viermal „mein Knecht Hiob“ (42,7+8) und tadelt die drei „leidigen“ Tröster (42,7). Er schickt Hiob andere Menschen, die ihm echtes Mitleid bezeugen und ihn wirklich trösten. Und er stellt nicht nur die frühere Stellung des Patriarchen wieder her, sondern gibt ihm das Doppelte von dem, was er vorher besaß. Doch nun hat Hiob etwas erworben, das wertvoller ist als alles andere: Er hat Gott erkannt – und gleichzeitig sich selbst.
Hi 42,10–11: „Und der HERR wendete Hiobs Geschick, als er für seine Freunde bat; und der HERR erstattete Hiob alles doppelt wieder, was er gehabt hatte. 11 Und alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle seine früheren Bekannten kamen zu Hiob und aßen mit ihm in seinem Haus; und sie bezeugten ihm Teilnahme und trösteten ihn wegen all des Unglücks, das der HERR über ihn gebracht hatte, und schenkten ihm ein jeder eine Kesita und einen goldenen Ring.“
Gott benutzt das Leben (besser: das Leiden) von Hiob zu Beginn der Menschheitsgeschichte, um uns eine wichtige Lektion zu erteilen:
Die Aussage „Wenn ein Mensch leidet, dann hat er gesündigt, und wenn er Gutes tut, dann segnet ihn Gott“ stimmt einfach nicht.
Das bezeugt schon das älteste Buch der Bibel!